Zum ersten Mal nehme ich an der „Rencontres Sabéennes“ teil. Beträchtlich war dementsprechend die Vorfreude, die größten Spezialisten im Gebiet der Altsüdarabien Forschung persönlich kennen zu lernen und ...

...ihren Vorträgen über die neuersten Forschungen zu zuhören. Heuer war der Schwerpunkt die „Identität im vor-islamischen Südarabien und Umgebung“.

Am Donnerstag, dem 18. Juni trafen sich ca. 80 Personen in der Aula Magna des Institutes Filologia, Letteratura e Linguistia der Universität Pisa, einem im typischen pisanischen Baustil gehaltenem Gebäude. Wir warteten alle auf die Gastgeberin, die nach italienischer Art zu spät kam. Nach den offiziellen Reden des Rektors sowie des Institutsvorstandes, ging es schon los.

Der Eingangsvortrag von H. Hitgen verstand sich als Begriffserklärung der Identität und kritisierte in kleinste Details einen vor kurzem publizierten Artikel von A. Avanzini über die Entstehung der altsüdarabischen Schrift. Die anschließende Diskussion wurde immer mehr zu einem Wortgefecht zwischen diesen zwei Spezialisten, die keinen Millimeter von ihren Überzeugungen, Ideen und Theorien abwichen, und ziemlich persönlich wurde.  Ich freue mich: So sollte ein Workshop sein! Ideen, Theorien und Hypothesen werden vorgebracht, diskutiert und wieder fallengelassen. Es handelt sich nicht nur um eine Reihe von Vorträgen, wo jeder sein Thema vorstellt, sondern um Meinungsaustausch! Und ich bin dabei wie neue Thesen erstellt werden! In der (österreichischen) Südarabien Forschung kommt man sehr schnell in den Genuss der Meinungsverschiedenheiten zwischen Eduard Glaser und David Heinrich Müller. Sogar in ihren Publikationen kritisierten sie sich gegenseitig. Es erscheint, als ob sie sich aus Prinzip und nicht inhaltlich angriffen. Beim modernen Schlagabtausch zwischen Hitgen und Avanzini, fühlte es sich so ähnlich an (wie ich mir aus den damaligen Publikation und Erzählungen vorstellen kann) mit dem Unterschied, dass sich zwei Gruppen bildeten. Die Hitgen-Anhänger, oder die „Deustche Schule“, denn seine Theorien wurden teilweise auch von Kollegen (N. Nebes, P. Stein) erstellt, stehen der „Pisa Schule“ um Avanzini entgegen. Die deutsche Genauigkeit trifft auf die gelassene italienische Lebensweise. Dogma gegen Hypothesen. Archäologie versus Philologie.

Nach diesem bewegten Beginn verliefe der restliche Tag sehr ruhig! Kommentare und Fragen hielten sich in Grenzen und eine eigenartige Atmosphäre schwebte über alle Teilnehmer. Die erdrückende, schwüle Hitze spielte sicherlich auch eine Rolle. Anscheinend hat die Kontroverse alle verstummt, denn keiner traute sich etwas zu sagen, um die Diskussion ja nicht neu aufzufachen.

Interessant waren dennoch alle Vorträge (Loreto, Gerlach, Buffa, Okab and Frantsouzoff), die die Identitätsfrage Südarabiens hervorheben, da der Ursprung der Sabäer bzw. der Südarabischen Königreiche noch nicht geklärt ist. Die Ergebnisse aktueller Feldforschungen (al-Jahwari, Darles & Phillips) zeigten, dass sich auf der Arabischen Halbinsel sehr viel tut. Grabungen oder Surveys finden statt und ermöglichen neue Einsichten in die Südarabische Kultur. Die philologischen Vorträge (Agostini, Robin, Israel, Arbach, Maraqten, Lombardi) zeigten neue Inschriften (in  einer Südarabischen Sprache oder Arabisch) oder neue Interpretationen bekannter Inschriften. Da folgten wieder rege Diskussionen, ob ein Zeichen als „m“ oder doch eher als „b“ interpretiert werden sollte bis Robin meinte: „Si je dis que c‘est un „m“, vous pouvez me croire, c’est un „m“. Fin de discussion. „ und die Debatte war beendet! Dazu muss gesagt werden, dass Robin sehr, sehr viele Südarabische Inschriften entdeckt und übersetzt hat, und sicherlich einer der wenigen Spezialisten ist, der seit mehreren Jahrzehnten im Jemen geforscht hat.

Wie so oft in der Geschichte der Archäologie, findet sich immer wieder eine Persönlichkeit, die die ganze Szene eine Zeitlang „regiert“. S. Moscati war es für die Phönizien-Forschung, J.M. Margueron ist es für die Erkundung der antiken Stadt Mari (Syrien) und E. Anati ist es im Bereich der Felskunst in der Levante und auf der Arabischen Halbinsel, um nur einige Beispiele zu nennen. Solange diese Menschen leben, trauen sich nur sehr wenige ihnen die Stirne zu bieten und ihre anderen Meinungen auszusprechen. Publiziert wird sehr viel, doch eine persönliche Debatte findet selten statt. Jeder, der diese Theorien in Frage stellt, wird als unwissenschaftlich oder sogar als inkompetent bloßgestellt. Ja, die Menschliche Komponente in der Forschung kann nicht unterdrückt werden. Jeder will für seine noch so kleine Entdeckung Anerkennung. Es geht nicht um die Forschung und die neuen Erkenntnisse, die die Geschichtsschreibung vorwärts treibt, sondern um die persönliche Errungenschaft. Diese Menschen glauben alles in diesem Gebiet zu kennen und zu wissen. Wo bleibt da Sokrates („Ich weiß, dass ich nichts weiß“) Philologie?